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Weniger Rebell, mehr Roboter? 5 Wege, wie KI unser kritisches Denken untergräbt

Kritisches Denken auch bei Nutzung der KI
Eine der wichtigsten Eigenschaften der Zukunft: kritisches Denken

Künstliche Intelligenz ist zu unserem ständigen Begleiter geworden, zu einem allgegenwärtigen Zuflüsterer in unserer Hosentasche. Auf Knopfdruck erhalten wir Wissen, Ratschläge für komplexe Lebensentscheidungen oder kreative Ideen – ein kognitiver Luxus, den wir uns vor Jahren wirklich nicht vorstellen konnten. Doch aus psychologischer Sicht müssen wir eine entscheidende Frage stellen: Was passiert mit unseren mentalen Fähigkeiten, wenn uns Denken und Entscheiden so einfach gemacht werden? Was verlieren wir auf dem Weg zur perfekten, reibungslosen Antwort? Die Kehrseiten dieser Entwicklung sind subtil, aber sie formen unsere Verhaltensmuster und bedrohen eine unserer wichtigsten Kompetenzen: das kritische Denken.


1. Die Geschwindigkeitsfalle der KI: Warum wir mehr Pausen brauchen, nicht weniger

Das Paradoxe an unserer Zeit ist: Je schneller die Technologie wird, desto wichtiger wird unsere Fähigkeit, bewusst langsam zu sein. Früher schufen langsamere Kommunikationswege – man denke an einen Brief, der wochenlang aus Australien unterwegs war, im Gegensatz zu einem sofortigen FaceTime-Anruf heute – automatisch Denkpausen. Diese natürliche „Reibung“ zwang uns zur Reflexion.

Heute, im Zeitalter von Instant Messaging und KI-generierten Antworten, ist diese Reibung fast verschwunden. Wir müssen Pausen aktiv einlegen, um nicht nur impulsiv zu reagieren, sondern überlegt zu antworten. Kritisches Denken erfordert Zeit – Zeit, die uns die Technologie erspart, die wir uns aber aus Gründen unserer geistigen Hygiene selbst wieder nehmen müssen.

Diese Reibung viel gekürzt und deswegen ist es glaube ich, viel wichtiger heutzutage dass man da auch kritisches Denken lernt sodass man sich diese Pause nimmt und sagt, naja, ich könnte jetzt in fünf Minuten diese E-Mail antworten vielleicht sollte ich mal ein paar Quellen überprüfen oder bevor ich ein Projekt freigebe vielleicht noch ein bisschen drüber nachdenken.

Doch es ist nicht nur die Geschwindigkeit, die unser Denken untergräbt. Es ist auch der schwindende Raum für eine entscheidende menschliche Fähigkeit: die emotionale Intelligenz.


2. Das Rationalitäts-Paradox: Warum emotionale Intelligenz der Schlüssel zum klaren Denken ist und kritisches Denken unterstützt

Emotionale Intelligenz lässt sich vereinfacht als „der Raum zwischen Reaktion und Antwort“ definieren. Die überraschende Kernaussage des digitalen Psychologen Elliot Manoja lautet: Je ruhiger und emotional intelligenter eine Person in einem bestimmten Moment ist, desto rationaler kann sie handeln. Psychologisch betrachtet ist dieser „Raum“ der Ort, an dem der präfrontale Kortex die Amygdala überstimmen kann – der Sieg der überlegten Handlung über den reinen Impuls.

Die heutige Informationsflut und der Druck, sofort zu antworten, verkleinern diesen Raum drastisch. Unsere emotionale Intelligenz wird gefährdet, und damit auch unsere Fähigkeit, rationale und kritisch durchdachte Entscheidungen zu treffen.

...umso ruhiger man im Moment ist also die Ruhe im Moment umso mehr emotional intelligent ist man und jetzt kommt das paradoxische umso rationaler ist man.

Diese ständige Verfügbarkeit von Antworten macht KI zu einem perfekten Verführer, der noch subtiler agiert als seine Vorgänger.


3. Der perfekte Verführer: Warum KI süchtig machender ist als Social Media

Als Lebensberater ist KI unwiderstehlich. Sie liefert personalisierte Antworten und die damit verbundenen Dopamin-Belohnungen, ohne den schmerzhaften sozialen Vergleich, der auf Plattformen wie Instagram allgegenwärtig ist. KI bewertet uns nicht, sie hilft uns – die Verführung ist, wie es die Quelle treffend beschreibt, potenziell „doppelt so süß“.

Die Tragweite dieses Problems wird deutlich, wenn selbst Sam Altman, der CEO von OpenAI, sich „erschüttert“ darüber zeigt, dass junge Menschen sich von ChatGPT ihr ganzes Leben beratschlagen lassen. Die Gefahr liegt in einer wachsenden Abhängigkeit und dem Verlust von mentaler Resilienz. Diese mentale Stärke bauen wir nur durch die Bewältigung von Ungewissheit, Fehlern und schwierigen Entscheidungen auf – genau die Prozesse, die uns die KI ersparen will.

Und bei KI gibt es das nicht, bei KI gibt es den Dopamin, du hast es gut gemacht, du warst super, aber es ist auch keine Bewertung da, sondern eher sehr personalisiert. Also ich finde es sogar noch verführendischer als Social Media.

Diese kognitive Bequemlichkeit führt uns jedoch nicht nur in die Abhängigkeit, sondern auch in eine gefährliche Homogenität des Denkens.


4. Die Regression zur Mitte: Wie KI uns zu weniger riskanten (und langweiligeren) Menschen macht

KI-Modelle arbeiten probabilistisch. Das bedeutet, sie neigen dazu, durchschnittliche, sichere und risikoarme Empfehlungen zu geben. Dieses Prinzip nennt sich „Regression to the mean“ – eine Rückkehr zur Mitte.

Die Konsequenz: Wenn wir uns zu sehr auf diese Empfehlungen verlassen, könnten wir als Gesellschaft aufhören, mutige, unkonventionelle oder „aufmüpfige“ Entscheidungen zu treffen. Manuela Machner argumentiert, dass ihre wichtigsten Karriereschritte genau die waren, von denen ihr jede KI abgeraten hätte. Es sind aber oft genau diese riskanten Entscheidungen, die zu den größten persönlichen und gesellschaftlichen Durchbrüchen führen.

...das ist ja das mit der KI, dass die Modelle, weil sie probabilistisch sind, in Englisch sagt man so eine Regression to the mean, also eine Regression zur Mitte, so auf die Art, dass wir dann alle ähnlicher werden oder weniger Risiken nehmen.

Wenn die KI uns also zur Mitte zieht, verlieren wir genau die Eigenschaft, die für echtes kritisches Denken unerlässlich ist: den Willen zur Rebellion.


5. Das Ende der Rebellion: Warum wir wieder lernen müssen, anzuecken

Kritisches Denken entsteht aus einer Haltung des Hinterfragens, einer Form der Rebellion – sei es gegen elterliche Ratschläge oder gesellschaftliche Normen. Beobachtungen zeigen jedoch eine zunehmende Tendenz zur Konformität. Man denke an die Anekdote von Studenten, die diszipliniert an einer leeren roten Ampel warten, oder den schwindenden Protestgeist im Vergleich zu früheren Bewegungen gegen Zwentendorf oder Atomkraftwerke. Das „Rebellentum“ scheint abzunehmen.

Diese Tendenz zur Konformität wird durch die von der KI geförderte „Regression zur Mitte“ (Punkt 4) noch verstärkt und durch den Mangel an bewussten Denkpausen (Punkt 1) zementiert. Die Schlussfolgerung ist besorgniserregend: Wenn junge Menschen nicht mehr darin geübt sind, Autoritäten und Gegebenheiten in Frage zu stellen, wie sollen sie dann die Vorschläge einer allwissend erscheinenden KI kritisch bewerten?


Schlussfolgerung: Ein letzter Gedanke zur Kritikfähigkeit KI

Kritisches Denken ist im Zeitalter der KI keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Fähigkeit, die wir aktiv verteidigen müssen. Als digitaler Psychologe sehe ich hier eine klare Aufgabe: Wir müssen diese Fähigkeiten wie einen Muskel trainieren. Es erfordert, dass wir bewusst Pausen einlegen, um unsere emotionale Intelligenz zu stärken, der süßen Verführung der einfachen Antworten widerstehen, bewusst riskante Wege gehen und es wagen, den bequemen Konsens zu hinterfragen.


Welche Entscheidung habt ihr zuletzt einer Maschine überlassen und wann habt ihr das letzte Mal bewusst widersprochen?


Mehr dazu in der Folge #91 des Podcasts Mind/Machine, den der digitale Psychologe Eliot Mannoia und ich seit fast 2 Jahren betreiben!


Über die Autorin:

Dieser Beitrag wurde von Manuela Machner, Expertin für Künstliche Intelligenz im Tourismus, verfasst. Sie unterstützt Unternehmen dabei, KI-gestützte Tools effektiv einzusetzen und datengetriebene Entscheidungen zu treffen.


„Künstliche Intelligenz + Menschliche Intelligenz = Intelligenz²“ – Aber ohne menschliche Intelligenz ist künstliche auch nichts wert!

 
 
 
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