Der KI-Gap: Warum so wenige das nutzen, was technisch längst möglich ist
- Manuela Machner

- vor 20 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Folge 110 | Mind/Machine Podcast mit Manuela Machner und Eliot Mannoia

Agenten, die selbstständig Dateien erstellen. Video-KI, die Fehlercode 802 am Drucker erkennt und erklärt. Sprachmodelle, die komplexe Recherchen in Minuten erledigen. Das alles gibt es bereits. Und trotzdem: In Workshops fragt Eliot Mannoia regelmäßig, wer Advanced Voice nutzt – und von zwanzig Teilnehmenden heben vier die Hand. Wer den Videocall mit ChatGPT macht? Einer.
Das ist der KI-Gap. Und er ist größer als die meisten denken.
Was der KI-Gap wirklich bedeutet
Der Begriff klingt technisch, ist aber zutiefst menschlich. Es geht nicht darum, dass Technologie fehlt. Es geht darum, dass Menschen sie nicht nutzen – aus vielen, nachvollziehbaren Gründen. Zeitmangel. Überforderung. Fehlendes Bewusstsein. Oder schlicht: weil das, was man schon nutzt, gut genug funktioniert.
Manuela Machner bringt es auf den Punkt: "Wir sind schnell zufrieden, wenn wir etwas erreicht haben. Und in Wirklichkeit ginge viel mehr – aber wir kommen gar nicht auf die Idee."
Der Gap beginnt bei der Selbsteinschätzung
Ein unterschätztes Problem: Viele Menschen überschätzen ihren KI-Kenntnisstand. Wer täglich ChatGPT verwendet, glaubt oft, fortgeschrittener Nutzer zu sein. In der Praxis zeigt sich dann: Custom Instructions? Nie gehört. Memory-Funktion? Nicht aktiviert. Von 30 Teilnehmenden eines Fortgeschrittenen-Kurses hatten drei die Grundeinstellungen vorgenommen.
Das ist kein Vorwurf – es ist eine Beobachtung. KI-Systeme funktionieren auch ohne diese Einstellungen, weshalb der Anreiz fehlt, tiefer einzusteigen. Wer aber wirklich Nutzen herausholen will, muss genauer hinschauen.
Wenn ihr euer ChatGPT Wissen testen möchtet, auf meiner Seite KI-Schulungen könnt ihr ganz unten den Test machen.
Wissen ist nicht gleich Können
Ein weiterer blinder Fleck: Die Annahme, dass technische Nähe mit Kompetenz gleichzusetzen ist. Jugendliche, die täglich am Smartphone sind, können manchmal weder einen Großbuchstaben auf der Laptop-Tastatur erzeugen noch einen E-Mail-Anhang öffnen. Das ist kein Einzelfall, sondern eine strukturelle Lücke.
Dasselbe gilt für KI: Wer viel in ChatGPT schreibt, kann KI trotzdem nicht erklären. Die wenigsten Menschen können künstliche Intelligenz in einem Satz definieren – auch unter jenen, die sie täglich verwenden.
Druck rausnehmen: Die Realität ist weniger dramatisch
LinkedIn zeigt die Leuchttürme. Die Mehrheit sieht man dort nicht. Laut McKinsey ist nur eines von zehn KI-Pilotprojekten in Unternehmen tatsächlich live. Gartner schätzt, dass bis 2027 rund 40 Prozent aller Agentenprojekte gestoppt werden. Das bedeutet nicht, dass KI scheitert – sondern dass der Abstand zwischen Ankündigung und Realität groß ist.
Niemand muss jedes neue Tool ausprobieren. Niemand muss DeepSeek getestet oder den neuesten Bildgenerator ausprobiert haben. Was zählt: die Entwicklungen im eigenen Berufsfeld kennen und gezielt nutzen.
Was hilft: Fokus statt Feature-Sampling
Die Frage ist nicht "Kenne ich alle KI-Tools?" – sie lautet: "Kenne ich die zwei, drei Entwicklungen, die für meinen Bereich gerade relevant sind?" Als Architektin sind das vielleicht KI-gestützte 3D-Visualisierungen. Als Trainerin die aktuellen Möglichkeiten zur Kurspersonalisierung. Als Touristiker die automatisierte Gästekommunikation.
Fokussiertes Lernen im eigenen Kernbereich ist smarter als wahlloses Ausprobieren – und nachhaltiger.
Die gesellschaftliche Dimension
Der KI-Gap ist nicht nur ein individuelles Problem. Er ist gesellschaftlich. Wer keinen Zugang zu Geräten hat, wer in einem Beruf arbeitet, in dem Computer keine Rolle spielen, wer kein Konto bei einem KI-Anbieter anlegen möchte oder kann – der ist trotzdem von KI-Systemen betroffen. Oft ohne es zu wissen.
Aufklärung, offene Formate und ehrliche Kommunikation über das, was KI kann und was nicht – das ist die Antwort auf den gesellschaftlichen Gap. Nicht Hype. Nicht Panik. Sondern sachliche, zugängliche Information.
Zum Mitnehmen
Der KI-Gap entsteht nicht aus Dummheit oder Faulheit. Er entsteht aus Geschwindigkeit, Komplexität und dem ganz normalen menschlichen Verhalten, bei dem zu bleiben, was funktioniert. Wer das versteht, kann bewusster mit KI umgehen – für sich selbst, in Workshops, in Unternehmen und in der Gesellschaft.
🎧 Jetzt anhören: mind-machine.at




Kommentare